• Münchner Papiertheater Festival 2017 + 2018

Impressionen von einem kleinen, aber sehr feinen Festival – Gabriele Brunsch

1. Festival 2017

Was für eine wundervolle Idee war es, das 30jährige Jubiläum des Kleinen Theaters im Pförtnerhaus, das den Eingang zum Bürgerpark Oberföhring ziert, mit einem internationalen Papiertheaterfestival zu krönen! Stolz kann die engagierte Theaterfrau Liselotte Bothe mit ihrer Familie auf das erfolgreiche Gelingen dieser Tage zurückblicken. Ein Wagnis war es allemal, denn wenn auch die Ränge im kleinen Theater bei ihren regelmäßigen Aufführungen mit Kasperl oder Zauberclowns immer ausgebucht sind und die Termine für Kindergeburtstage ihnen kaum Zeit zum Verschnaufen lassen, so konnte man nicht wissen, ob man in der von Theaterangeboten überschwemmten Stadt München wirklich genügend Zuschauer für diese unbekannte Theaternische Papiertheater würde begeistern können. Doch sie strömten herbei: Junge und Alte, Gruppen und Schulklassen. Sie ließen sich vom abwechslungsreichen Angebot verführen vor den kleinen Bühnen in einem abgedunkelten Raum Platz zu nehmen und sich dieser fremden Kunstform auszuliefern. Dass einige Besucher sich nach dem ersten Eindruck gleich weitere Karten besorgten und neugierig die unterschiedlichen Inszenierungen bestaunten, war ein gutes Zeichen. Sie interessierten sich für den Aufbau und das Entstehen eines Bühnenstückes und führten nach der Aufführung mit den Spielern noch lange Gespräche.

Familie Bothe hatte für alles gesorgt. Die Spieler und ihre Mitreisenden waren rundum von helfenden Händen umgeben, die Mahlzeiten wurden gemeinsam unter strahlender Sonne und blauem Himmel im Freien eingenommen. Familie Bothe gelang es mit guter Laune und unendlicher Toleranz jedwede Unsicherheit schon im Vorfeld auszubügeln. Für die unterschiedlichen Bühnen hatten diverse Vereine ihre teils reich dekorierten Häuser im Bürgerpark zur Verfügung gestellt. Die Wege zu den Aufführungsräumen waren kurz, die Räume eigneten sich alle hervorragend, waren gut abgedunkelt und die Bestuhlung dem zu erwartenden Publikum angepasst.

Schon am Donnerstagmorgen, bevor die erste Vorstellung um 9 Uhr die Pforten für die Besucher öffnete, war ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks dabei, die anwesenden Akteure abzulichten. Der kleine, kaum zwei Minuten lange Bericht, der am gleichen Abend in der Bayerischen Rundschau ausgestrahlt wurde, bot einen feinen Einblick in meine Arbeit für das Papiertheater Kitzingen und das Theaterstück „MUTABOR“. Danach filmten sie Ulrich Chmel, wie er mit seiner Bauchladenbühne Kinder zum Lachen und Staunen brachte und im Anschluss daran konnte Robert Jährig vom Papiertheater Heringsdorf seine Theaterarbeit vorstellen. Erst wurde ein Blick hinter die Kulissen geworfen und dann eine überraschend heitere Sequenz des Theaterstücks „Das Feuerzeug“ gezeigt.

Liselotte Bothe brachte ihre Intention das Papiertheater im Süden Bayerns mit ihrem Festival ein wenig bekannter zu machen mit einführenden Worten wunderbar stimmig zum Ausdruck. Dieser kleine Fernsehfilm wurde, so habe ich bei Gesprächen nach dem Wochenende erfahren, in ganz Bayern gesehen und hat bei Vielen Neugier auf die Kunstform Papiertheater ausgelöst. Schade ist, dass das sehr schöne Filmchen nur für wenige Tage in der Mediathek abrufbar ist. 

„Faszination Papiertheater“  - Ulrich Chmel

Der langjährigen Freundschaft von Familie Bothe und Ulrich Chmel war es wohl zu verdanken, dass Ulrich Chmel die Mühe auf sich genommen hatte, die großartige Ausstellung zur Entstehung des Papiertheaters im 19. Jahrhundert, die er bereits im März in Wien im Bezirksmuseum Wieden vorgestellt hatte, mit nach München zu bringen. Unter dem Titel „Faszination Papiertheater“ konnte man Figurinen, Kulissen, Bühnenbilder, Beispiele zu Spieltechniken, antike Exponate und Originaldokumente zur Geschichte des Papiertheaters im 19. Jhdt. in einer hervorragend installierten Präsentation bewundern. Hier wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, dem Münchner Publikum die Geschichte des Papiertheaters nahezubringen. Ulrich Chmels Einführung und seine Erklärungen ließen die Besucher vor den so großartig bis ins Detail exzellent dargestellten Ausstellungsstücken bewundernd innehalten.

 

Familie Bothe war es zu verdanken, dass das für die Ausstellung nötige Mobiliar, Stellwände und Glasvitrinen, verfügbar war, damit diese reiche Ausstellung so großartig präsentiert werden konnte. Welche Arbeit Ulrich Chmel schon allein bei der Erstellung im Vorfeld hatte, das konnte man bei jedem einzelnen Objekt, das an Präzision und eleganter Perfektion einzigartig war, erkennen. Dass es hier in meiner Beschreibung viele Superlative gibt, ist meine Art ihm meine besondere Bewunderung und meinen Dank auszudrücken. Ich hoffe sehr, dass diese Ausstellung zukünftig noch viele ehrenvolle Ausstellungsorte und Bewunderer finden wird.

Bauchladenbühne – Ulrich Chmel

Darüberhinaus bot der engagierte Theatermann Ulrich Chmel mit seiner Bauchladenbühne vergnügliche Märchenaufführungen für die kleinsten Besucher ab 3 Jahren. Sie konnten Hänsel und Gretel sehen und sogar zwischen Rotkäppchen und Schneewittchen wählen. Die Mehrzahl der hochgestreckten Händchen entschied, welches Stück gespielt wurde. Strahlende Kinder machten sich beglückt auf den Heimweg.

 

IMAGINATION – Ulrich Chmel

Das andere Papiertheater – ein Kunstprojekt, der besonderen Art                  

Eine wirkliche Herausforderung für das erwachsene, kunstinteressierte Publikum stellte das Theaterstück IMAGINATION dar. Ulrich Chmel hat dazu Gemälde berühmter Künstler, des 20. und 21. Jahrhunderts, Daniel Spoerri, Robert Hammerstiel, Niki de St.Phalle, René Magritte, Piet Mondrian und A.Katz ausgewählt und mit ihnen ein ungeahntes Kunststück vollführt. Wie glücklich war ich, als ich las, dass es hier in München zur Aufführung kommen würde und ich es endlich würde sehen können. Für die weiter hinten sitzenden Gäste wurden Operngläser ausgeteilt. Das half mir sehr, denn ich hatte nur einen solchen Platz ergattern können.                                                        Ulrich Chmel hat die bekannten Gemälde kunstvoll zerschnitten und die verwandelten Teile zum zauberischen Schweben und Wandern gebracht. Auf dem Hintergrund der Technik des Schwarzen Theaters verwandelten sich die Kunstelemente und bauten sich in verblüffenden Kompositionen in strahlenden Farben erneut zusammen. Dazu schlug im Hintergrund immer wieder der Zeiger einer Uhr den Takt, der das Vergehen der aktuellen Zeit schmerzhaft spürbar machte und den Pulsschlag des eigenen Blutes in Schwingungen versetzte. Das wunderbare visuelle Werk wurde von der elektronischen Musik, die Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Essl (*15. August 1960, Wien) eigens zu diesem Stück komponiert hatte, untermalt: Sie umfasste ein weites akustisches Spektrum von äußerster Anspannung und Überreizung, rauschhaftem Aufwallen bis hin zu vollkommener Beruhigung. Lockend verführerisch, irritierend, ohrenbetäubend, sanft-verspielt, in Harmonie miteinander sich entwickelnd. So waren Bild und Sound ein modernes Gesamtkunstwerk im kleinen Papiertheater, das seinesgleichen sucht und unvergessliche Eindrücke hinterlässt.

Papirniks Papiertheater – Hannes Papirnik

Hannes Papirnik, der mit seinem Papirniks Papiertheater jeden Herbst mit einer Neuinszenierung aufwartet (das ist sein Prinzip), hat diesmal eine humorvolle Version des „Fliegenden Holländers“ vorgestellt. Man konnte gespannt sein, welche Einfälle uns diesmal überraschen würden, denn ohne Überraschungsmomente kann es bei Hannes Papirnik nicht ablaufen. Im letzten Jahr war es die Ballonfahrt zum Mond, die beim Theaterstück „Frau Luna“ außen um die Bühne herum kreiste und bei den Zuschauern Begeisterungsstürme auslöste. Was würde es diesmal sein?                                       

Und wirklich! Als das wundervolle Szenenbild des brausenden Meeres mit seinem Stürmen und dem Schlagen der Wellen beim Heben des Vorhangs ins Blickfeld kam, da fuhren den Zuschauern mit einem heftigen Wusch Wind und Sturm in die Haare. Das war ein Erlebnis der anderen Art – man war mittendrin im Geschehen – und es dauerte ein kleines Weilchen, bis man begriff, dass es nicht heftige Windstöße durch offene Fenster und Türen waren, die auf uns einstürmten, sondern die riesigen Ventilatoren an den Seiten des Theaterwagens, die diesen irritierenden Effekt auslösten. Der erste Akt war ungeheuer beeindruckend und bald vorbei … so auch der windige Ansturm. Hannes Papirnik hat Wagners Oper runderneuert, maßvoll gekürzt und in eine ganz eigene interpretatorische Form gebracht. Eine Idee war aber richtig gruselig: Das Bild des Holländers, das von Elsa angehimmelt wird, verwandelte sich plötzlich in einen Totenkopf. Eine dräuende Warnung – die das Mädchen allerdings nicht daran hinderte, sich dem Todgeweihten hinzugeben. Ach!

Dass Patrik und Lutz Bothe für Papirniks Papiertheaterwagen ein 70 cm hohes Podest zur Verfügung stellen konnten, war eine wirklich gute Idee. So hatten die Zuschauer auch in den hinteren Reihen eine gute Sicht und es war ein durchweg ungetrübtes Theatererlebnis. Der Blick hinter die Bühne ist bei Hannes Papirnik ein Muss. Die Perfektion mit der er die technischen Elemente in seine von oben bespielte Bühne eingebaut hat und wie er sie bedient, ist einfach für jeden neugierigen Besucher ein Highlight. Erwähnenswert ist noch, dass Hannes Papirnik gebeten wurde zusätzlich zu den eingetragenen Zeiten noch eine Sonderaufführung seines Holländers zu spielen. Wieder einmal! Kompliment!

 

Papiertheater Heringsdorf - Robert Jährig

Robert Jährig hatte seine beiden Theaterstücke „SOS – Italia“ und „Orpheus in der Unterwelt“ sowohl lichttechnisch als auch klanglich so ausgezeichnet präsentiert, dass sie diesmal ein großartiges Theatererlebnis darstellten.  „Orpheus in der Unterwelt“, eine Kurzform der Opera Buffa, heiter und vergnüglich, ließ mit ihrem Humor den Besucher die Alltagswelt für einige Zeit vergessen.     Mit „SOS – Italia“ ist Robert Jährig wieder seiner Leidenschaft originale Schallquellen zum Einsatz zu bringen nachgegangen. Er hat ein Hörspiel von 1929 (es war im deutschen Rundfunk ausgestrahlt worden), das nach einem tatsächlich stattgefundenen, historischen Ereignis verfasst worden war, hergenommen und daraus sein Drama im Papiertheater gestaltet.  Im Jahre 1928 war in der Arktis das Luftschiff „Italia“, abgestürzt, auf einer Eisscholle aufgeprallt und als verschollen gemeldet worden.                                                                                                                  Die gesamte historische Tragweite und der Ablauf des Dramas wurden klanglich und bildlich hervorragend erfasst. ER hat sein Theaterstück mit zeitgeschichtlich gut gewählten Kulissen und Figurinen bevölkert und ein eindrucksvolles Theaterstück geschaffen. Man konnte sogar Nebel aufsteigen sehen. Mit diesem Theaterstück gelang es Robert Jährig beim Zuschauer ein so starkes Mitbangen auszulösen, dass der eine oder andere davon sprach Gänsehaut bekommen zu haben, als das Geschehen seinen Lauf nahm. Fast 50 Tage lang auf einer Eisscholle auszuharren, ohne Unterlass mit dem Funkgerät Notrufe abzuschicken und auf Rettung aus einer Welt zu hoffen, die ferner nicht sein könnte, ist ein ungeheuerliches Martyrium. Doch schließlich wurde ihr Notruf gehört. Dass es gelungen ist, auf der kleinen Bühne die nationalen Vorbehalte und Animositäten der beteiligten Retter herauszuarbeiten, verdient besondere Erwähnung.  Robert Jährigs Bühne ist tief, aber erst der Einblick hinter die Kulissen des Schlussakts, mit der Rettung der im Eis Verschollenen, zeigt, wie luftig die Kulissen angeordnet sind.   Das ist wirklich verblüffend und beweist einmal mehr welch wundervolle Illusion mit Papiertheater erschaffen werden kann.  

Einen Wermutstropfen gab es jedoch auch. Das Theaterstück „Die Nachtigall“ wurde wegen eines Wasserschadens leider kurzfristig abgesagt und durch „Das Feuerzeug“ ersetzt, dadurch gab es einige Absagen, aber schließlich waren die Aufführungen trotzdem gut besucht. 

Das bekannte Märchen „Das Feuerzeug“ von Hans Christian Andersen war in Robert Jährigs Inszenierung prall gefüllt mit überraschenden Momenten in bunten, wundervoll gewählten antiken Bühnenbildern und Figurinen. Die technischen Tricks verstand Robert Jährig punktgenau und eindrucksvoll auszulösen, so blitzte es mit Funken und Feuer, als der Hund im Untergrund verschwand.  Das Publikum war sehr angetan von der Vorstellung.

 

 Papiertheater am Ring - Armin und Sabine Ruf

Das Papiertheater am Ring aus Nürnberg von Armin und Sabine Ruf präsentierte unter Mithilfe ihrer Tochter Florentine, die beliebte Oper Zar und Zimmermann von Albert Lortzing, Uraufführung 1837.                                                                                                                                       Diese humorvolle Oper ist einer der Kassenschlager in deutschsprachigen Opernhäusern und wird gerne inszeniert, weil sie große Möglichkeiten der Gestaltung eröffnet.

Das Publikum ist hingerissen und würde am liebsten die Arien mitsingen. Armin und Sabine Ruf haben diesen Dreiakter mit wundervollen, in prachtvollen Farben gehaltenen Nachbildungen antiker Kulissen und Figurinen ausgestattet.

 

Eine Operninszenierung, die mit ihrer Fülle an Akteuren und dem Charme der Handlung besticht.  Ein heiterer Hingucker ist es, wenn die Holzschuhe ihren Tanz vollführen.

 

 Die Größe der Bühne mit weitem Einblick in den tiefen Bühnenraum und die auf mehreren Ebenen agierenden Figurinen beeindruckt.

 

Papiertheater Joli Vilsbiburg – Jochen und Lise Dybdahl-Müller

 

Mit seiner Bauchladenbühne präsentierte Jochen Dybdahl-Müller zwei sehr bekannte Stücke: „Ein Münchner im Himmel“ und „Mutters Klavier“ von Loriot. Da ging es sehr lustig zu.  „Luja! Sog i!“ Wenn das kein Spaß ist! Das Publikum jubelte. Der Umgang mit seinen Figuren in dem winzigen Bühnchen gelang Jochen Dybdahl-Müller sehr gut. Es schien, als sei dieses kleine Ding wie geschaffen für ihn und seine Spielweise. Witz und Humor wurden versprüht - Jedes einzelne Wort war gut verständlich, auch die im Dialekt gesprochenen – was natürlich zusätzlich für Heiterkeit sorgte.                                                                                    

 

„Die Mausefalle“, ein Theaterstück nach dem spannenden Krimi von Agatha Christie wurde von Jochen und Lise Dybdahl-Müller und ihrem Papiertheater Joli Vilsbiburg für ihre Bühne erarbeitet und vorgestellt. Das Ehepaar sprach live, was die Aufmerksamkeit des Publikums herausforderte, aber den Genuss am raffinierten Aufbau der Handlung nicht wesentlich schmälerte. Die schönen Kulissen und die ansprechenden Figurinen bildeten mit der Musik eine gute Einheit und passten zu Zeit und Ablauf. Die Raumtiefe und der Lichteinfall waren ausgezeichnet. Die Aufführung war gut besucht, denn ein Agatha Christie Krimi ist ein Magnet, dem man nicht widerstehen kann.

Das Ehepaar Dybdahl-Müller brachte noch das Theaterstück „Ferondo“, nach der 8. Geschichte des Dekamerons von Bocaccio, zur Aufführung, auch live-gesprochen. Eine verwickelte Geschichte, die eine sehr diesseitige Beziehung zwischen einem reichen, aber einfältigen Bauern, seiner schönen Gattin und einem mächtig durchtriebenen Abt zum Thema hat. Für Erwachsene natürlich! Bühnenbilder, mit quadratisch-korinthischen Säulen in südländischer Landschaft, großflächige Fenster in einem Kirchensaal und das Innere eines prachtvoll gewölbten Renaissancegebäudes schmückten die Akte. Da waren natürlich Heiterkeit und Schmunzeln angesagt!

 

Papiertheater Kitzingen – Gabriele Brunsch

Das Papiertheater Kitzingen war im Kleinen Theater im Pförtnerhaus untergebracht. Ich hatte eigens für diese Reise eine kleine Bühne gebaut, die schnell aufzubauen ist. Beim Theaterstück „MUTABOR“, das ich frei nach Wilhelm Hauffs wundervollem Märchen vom Kalif Storch selbst gezeichnet und entwickelt habe, spreche ich selbst alle Rollen. Allerdings habe ich ein Hörspiel gemacht, denn 60 min. lang live zu sprechen und dazu noch Licht-Umbau-Vorhang-Figurenführung zu bewältigen, das ist mir denn doch zu anstrengend. Mein Stück hat 9 Akte in denen ich über 50 unterschiedliche Figurinen agieren lasse. Alleine 29 Störche, fliegend, tanzend, lachend, müde, neugierig, desillusioniert, usw., bevölkern das Geschehen. Ich konnte dieses Märchen 7mal spielen und der Zuschauersaal war auch bei der letzten Aufführung bis auf den letzten Platz besetzt. Dass am Samstagnachmittag wirklich mehr Männer als Frauen und nur zwei Kinder anwesend waren, mag meinem Werbespruch zu verdanken gewesen sein: Für Männer jeden Alters, Frauen und Kinder ab 7 Jahren.                                                                                                                                     

Einen Blick hinter die Bühne gewähre ich dem Zuschauer nicht, zu wild ist das Durcheinander, das ich nach der Verabschiedung meiner Gäste erst wieder mühevoll entwirren muss, um es für die nächste Vorstellung neu einzurichten. Nennenswerte Tricks und Installationen gibt es bei mir ohnehin nicht zu sehen, alles ist Illusion und auf die allein kommt es an. Der Besucher soll seine Verzauberung und die Magie, die ihn gefangen hält, nach dem Senken des letzten Vorhangs ungebrochen mit auf den Heimweg nehmen.

 

FAZIT

 

Liselotte Bothe blickt zufrieden auf das Wochenende zurück. Ihr 30jähriges Theaterjubiläum war rundum ein Erfolg. Die vielfältigen Ankündigungen in der Presse und im Fernsehen hatten Wirkung gezeigt. Mehr als 500 Besucher waren in diesen 4 Tagen zu den Vorstellungen der 6 Papiertheater gekommen und haben sich von den so ganz unterschiedlichen Inszenierungen verzaubern lassen. Einige Besucher hatten schon im Vorfeld mehrere Aufführungen gebucht, andere kamen wieder und brachten auch Freunde mit. Die Gespräche danach, die teilweise sehr intensiv waren, hatten ein Echo: Es hat sich gelohnt zu kommen! Für die meisten war diese Form des Theaters ganz neu, ja, sie konnten sich eigentlich absolut gar nichts unter dem Begriff „Papiertheater“ vorstellen, jedoch zu erfahren, dass dies Theater lange vor Kino und Fernsehen eine millionenfach geliebte Beschäftigung der Menschen in Europa darstellte, das ließ sie staunen.

Wenn ein Festival 1. Münchner Papiertheater Festival heißt, dann darf man vermuten, dass es möglicherweise auch ein 2. Festival dieser Art in München geben wird. Liselotte Bothe hat ihre Fühler schon ausgestreckt und die Möglichkeiten, im nächsten Jahr wieder ein Papiertheater Festival zu organisieren, bereits ausgelotet. Dass sie es wieder schafft, das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.  

 

Fotos zum Bericht: Bothe, Chmel, Brunsch

2. Festival 2018

... im Kleinen Theater im Pförtnerhaus in München/Oberföhring.

Sechs Papiertheaterbühnen waren angekündigt um vier Tage lang vom 18. bis 21. Oktober mit 40 Vorstellungen ihre Inszenierungen für Jung und Alt zu präsentieren.         

Dadurch, dass Römers Privattheater seine Teilnahme leider zum großen Bedauern von vielen Besuchern und Spielern abgesagt hatte, mussten einige Termine verschoben werden. Es ist aber der Organisatorin des Papiertheater-Festivals, Liselotte Bothe, trotzdem gelungen, mit ihrem heiteren Temperament und ihrem hervorragenden Organisationstalent, das Unternehmen geschickt zu lenken und zum Erfolg zu führen.

Während am Mittwoch schon einzelne Bühnen anreisten und eingewiesen wurden, war für Familie Bothe jedoch noch normaler Alltag in ihrem Kleinen Theater im Pförtnerhaus. Es galt mehrere Kindergruppen mit einem Kasperletheaterstück zu unterhalten und im Café zwei Kindergeburtstage liebevoll und einfallsreich so abzuwickeln, dass die verschiedenen Gruppen einander nicht in die Quere kamen.  Schon vor dem Eingang hieß es fein aufgestellt als Lokomotive, die Hände auf den Schultern des Vorderkindes, ins Pförtnerhäuschen einzufahren. Ein wundervoller Auftakt, der schon ankündigte, dass alles, was jetzt noch kommen würde, ebenso gut durchdacht und fein kindgerecht aufeinander abgestimmt sein würde. Heiter und zielgerichtet mit „Happy Birthday“, Gesang und Drehorgel, unter der geduldigen und aufmunternden Regie von Patrick Bothe (Sohn von Liselotte und Lutz), unterstützt von Lebensgefährtin und Tochter, wurde die Kinderrunde unter dem gefühlten Motto „Hier findet der allerschönste Kindergeburtstag von ganz München statt!“ auch noch mit dem leckersten Waffel-Omelette der Welt versorgt. Es gab kein Kind, das nicht mit glücklichem Lächeln das Theater verlassen hätte.  Dass ist Theaterleben und Unterhaltung pur – und dazu noch vom Feinsten.                                                                                           Im Hintergrund meldete das Telefon sehr leise unaufhörlich Reservierungen an. Super, wenn man wahrnehmen konnte, dass es viele Menschen gab, die Plätze für Festival und Zaubershow, Geburtstagscafé und Kasperletheater reservieren wollten. Man war mitten drin im Ablauf eines seit 31 Jahren hervorragend funktionierenden Familienunternehmens, das zum ganz normalen, alltäglichen „Theaterwahnsinn“ auch noch das Wagnis, ein 2. Papiertheater-Festival unter seinem Dach auszurichten, eingehen wollte.

Der Name Pförtnerhaus zeigt schon, dass es hier einst ein Tor gab, das die Welt draußen von der Welt dort drinnen im Park, trennte. Hier war zu Kriegszeiten und noch danach in 12 barackenähnlichen Bauten ein Lazarett eingerichtet. Seit mehreren Jahrzehnten nun stehen diese Gebäude im Rahmen der Vereinsgemeinschaft 29 e.V. unterschiedlichsten Vereinen als Treffpunkt und Veranstaltungsort zur Verfügung. Fantasievoll ausgestattet, eher schlicht oder auch sehr aufwändig restauriert, ist ein jedes Haus, das dem Festival seine Pforten öffnete, ganz unterschiedlich und zeigt die Vielfalt, der hier agierenden Vereine und die Einsatzbereitschaft ihrer Mitglieder.

Wohlbefinden pur!

Familie Bothe scheute keine Mühe einem jeden Spieler jeden Augenblick der Anwesenheit so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie sorgten sich um die Verpflegung von mittags bis abends, und das Abendprogramm, über das noch berichtet wird, war auch ein Highlight der ganz besonderen Art.

Die Hotelzimmer für die angereisten Spieler waren diesmal jeweils eine Suite mit Doppelbett, Küchenzeile und Bad – etwa 50 qm pro Person, wahrhaft feudal!  Die aus den unterschiedlichsten Ländern angereisten Wissenschaftler und Besucher der gerade abgehaltenen Kongresse, die außer vielen Chinesen und Japanern im Hotel untergebracht waren, hatten die Papiertheaterspieler in ein Nebengebäude verdrängt, nicht zu ihrem Nachteil. Die meist gehörte Sprache war Englisch – in unterschiedlichster Prägung. Alles schien geschäftig und in Eile. Wir sind in der Metropole von Bayern. Mittendrin! Da war dann die Reise ins 2km entfernte Kleine Theater im Pförtnerhaus wie der Ausflug in die Vergangenheit, in die heile Welt, in der noch in friedvoller Geborgenheit lebendige Fantasie wohnen darf.

Und gleich kamen vom Hotel zwei Chinesinnen in meinen Theaterraum, schwärmten von dem, was sie hier sehen können, hier, im Papiertheaterfestival. Die beiden sind vollkommen gefesselt von dem, was sich ihnen präsentiert, Familie Bothe hat unter vielen anderen Objekten, asiatische Marionetten und Stabfiguren gesammelt, und Augen der beiden Frauen glänzen. Sie wollen mir online schreiben, weil sie selbst auch Theater mit Figuren unterschiedlichster Art machen. Wie schön, selbst wenn es nur diesen einen umjubelten Augenblick mit ihnen geben würde, wie sagt man im Englischen so schön? This joyful encounter made my day!  

Kleine Imponderabilien

Sollte man sie überhaupt erwähnen? Ich denke schon, denn ein jeder hat sie schon erlebt und bangen Herzens die eine oder andere Panne überstanden. Wie sensibel Papiertheaterpräsentationen sind, wenn sie noch so gut vorbereitet sind, das zeigt sich dann, wenn die CD, die doch bis jetzt immer und überall funktioniert hat, plötzlich hängt und den gleichen elenden Satz wieder und wieder daherplappert und das Publikum nach dem 7. Mal munter mitzuplappern beginnt: “Im dunklen Wald … im dunklen Wald … im dunklen Wald!“ Mit einem leichten Klaps auf das Gehäuse des CD-Spielers springt es weiter und verheddert sich keine 30 Sekunden später an der nächsten Stelle mit: “… fiel auf die Knie …  fiel auf die Knie … fiel auf die Knie!“ Welch Unheil! Stoßgebete und ein erneuter Klaps renken dann alles wieder ein.                                                                                                                  Ein junger Mann sagte nach der Vorstellung: „Eine gute Idee, den Vorhang nicht sofort ganz zu öffnen, sondern in dieser halbgeöffneten Stellung eine Zeitlang zu belassen. Das war hervorragend. Ein Kompliment an die Regie! Das hat die Spannung ungeheuer gesteigert!“ (Uff – der Vorhang hatte sich, was so auch noch nicht vorgekommen war, plötzlich so verklemmt, dass es eines mechanischen Eingriffs mittels Schraubenzieher bedurfte, um ihn wieder flüssig hochgleiten zu lassen!)                                          

Andernorts rastete der Laptop an immer gleicher Stelle aus und auch die liebevollste Behandlung vermochte ihn nicht soweit aufzumuntern, dass er seine Arbeit   n i c h t   30 Sekunden vor Schluss des Theaterstücks beendete. Das Publikum strahlte trotzdem und bewarf die gequält Lächelnden mit Komplimenten und Jubelrufen, was die sorgenvollen Mienen ein wenig entspannte und die Hoffnung keimen ließ, dass es gar nicht so schlimm angenommen worden war, wie man es selbst empfunden hatte.

Papiertheater INVISIUS –Rüdiger Koch

Welch ein Genuss war es aber für alle Besucher und Spieler die Stücke „Peter und der Wolf“ und „Der Freischütz“ vom Papiertheater Invisius zu erleben. Dass man da ab und an eine Hand sah, dass in der düster dräuenden Wolfsschlucht eine Figurine plötzlich in Flammen stand und erst nach erschrockenen Zurufen der Zuschauer „gelöscht“ wurde, das erschien so, als gehörte es im offenen Spiel des professionell immer wieder sichtbaren Theatermanns Rüdiger Koch, der live spricht und das mit absoluter Perfektion, gleichsam zum Stück selbst. Und auch wenn man denkt, dass man den Freischütz wirklich nicht noch einmal anschauen möchte, so ist es doch ein jedes Mal wieder und so, als sei es ganz neu. Weil die Wandelbarkeit der Stimme, die stringente Handlung, der Wechsel der Farben, ein unverwechselbares, spannendes Erlebnis sind. Etwas Gutes kann man immer wieder anschauen, das ist bei einem Buch, einem Film oder eben auch bei Bühnenwerken so. „Peter und der Wolf“, die Premiere war 2003, „Der Freischütz“, Premiere war 1994 sind im Repertoire des Papiertheater INVISIUS nach wie vor die Renner und begeistern das Publikum deutschlandweit ungebrochen. Wer mehr über die beiden Stücke, Autoren, Grafiker, Pianist, etc. erfahren möchte, kann alles dazu auf Rüdiger Kochs HP erfahren:  www.invisius.de Ein Erfahrungsaustausch nach der Aufführung. Foto: GB

Im Freischütz gab es, wie sollte es anders sein, ein kräftiges Zischen und Flackern, Stichflamme mit Explosion und anschließendem Brand – ein wahrer Schrecken!                                                                                     

 Dieses Bild hier ist natürlich beim Blick hinter die Kulissen entstanden, als Zuschauer mit den Figuren spielten. Drum auch die Sicht von oben auf den Bühnenboden, wo noch die Träger für die beeindruckenden Feueraktionen zu sehen sind. “Was, so wenig ist nötig für diese grandiose Wirkung?“, denkt man da und ist voll Bewunderung!

Papiertheater Papirnik – Hannes Papirnik         

Alle erwarteten mit Spannung die Aufführung der Oper „Der Babier von Sevilla“  von Hannes Papirnik mit seinem Theaterwagen. Hannes Papirnik inszeniert jedes Jahr ein neues Theaterstück und präsentiert dann nur dieses eine seinem begeisterten Publikum. Was wird er diesmal für Überraschungen eingebaut haben? Es ist immer etwas Außergewöhnliches dabei, das unvergessliche Eindrücke hinterlässt. So kreiste in der Operette „Frau Luna“ mit der Musik von Paul Lincke der Ballon auf seiner Reise zum Mond oben über allen Köpfen um das ganze Theater herum, bevor es schließlich landete und ließ das Publikum mit offenem Mund über so viel Einfallsreichtum und technisches Knowhow staunen. Als in der Oper „Der fliegende Holländer“ das Meer im Sturm aufbrauste, da wurde das Publikum plötzlich von kühlen Sturmwinden angeweht und erschauerte zutiefst durch den Eindruck mitten im Geschehen, dort auf dem wütenden Meer mit dem bedrohten Schiff schicksalhaft verbunden zu sein. Hannes Papirnik hatte rechts und links neben seinem Theaterwagen große Ventilatoren aufgestellt, die im richtigen Augenblick aufrauschten und das Publikum im Dunkeln das Fürchten lehrten. Dieses Mal aber waren es  n u r   ganz wundervolle Lampen, die, stilvoll und edel, schon zur Begrüßung die Bühne fein umstrahlten, ganz so, als wären sie schon immer dagewesen. Sie aus dem Bild wegzudenken, aus der gefassten Theaterumrahmung herauszunehmen: Unvorstellbar!     

Der Szenenwechsel gelingt Hannes Papirnik ohne Schließen des Vorhangs überraschend harmonisch, nichts klemmt, nirgendwo auch nur der Hauch einer Störung. Er führt seine Figuren an Stäben von oben, so kann er seine Figuren leicht neigen, sie können tänzeln und tanzen, sich drehen. Manchmal hopsen sie, wenn es die Regie angewiesen hat und lassen uns keinen Augenblick merken, dass sie nicht selbstständig agieren. Die kleinen Stäbe sind plötzlich verschwunden und es ist, als wäre man mitten im spannenden Geschehen dieser frechen Opera buffa. Was ein Spaß!

Man ahnt ja von Anfang an, dass sie sich am Schluss kriegen werden, der Graf und seine geliebte Rosina. Er lässt keinen Winkelzug aus um an seine Geliebte, die von ihrem Vormund Bartolo gefangen gehalten wird, heranzukommen. Figaro, ein Freund des Grafen, hilft wo er nur kann mit Ratschlägen, Verkleidungen und allen möglichen Ideen um den üblen Bartolo auszutricksen und daran zu hindern die schöne junge Frau (samt ihrem erklecklichen Vermögen) selbst zu heiraten. Ein heiteres, rundum buntes und gelungenes musikalisches Theatervergnügen. Hannes Papirnik vom Feinsten! Wie immer!

 Papiertheater Joli – Vilsbiburg

Jochen Dybdal-Müller zeigte bei der Eröffnungsveranstaltung mit seiner Bauchladenbühne aus der Werkstatt von Ulrich Chmel das Stück „Die Weinprobe“, frei nach Loriots unvergleichlich witzigem Stück „Der Vertreterbesuch“.                                                                                                                          Das Ehepaar Dybdal-Müller hatte sich mutig an die Realisierung des dänischen Theaterstücks „Die Zirkuskinder“ gemacht. Dieses Theaterstück gilt als eine der besten Komödien im Papiertheater aus Dänemark. Es erzählt die Geschichte von einem Zirkus, der seine kleinen Stars durch Kindesentführung seinem Akrobatenteam einverleibt und ungeheure Trauer bei den Eltern hervorruft.                                                                                       

In der Rahmenerzählung erleben wir den dramatischen Untergang eines Schiffes, die Landung eines Rettungsboots und weitere spannende Ereignisse, Elefanten, Löwen und Gaukler im Zirkus. Es ist wichtig zu sagen, dass die gewählten Kulissen und alle Figurinen wunderschön waren. Diese Volkskomödie  Die Zirkuskinder verdankt ihre Entstehung einem Preisausschreiben, das im Jahr 1924 in Dänemark aus 500 eingesandten Werken als Sieger hervorging. Die Handlung wurde in allen 5 Akten mit den so verschiedenen Akteuren live von Jochen und Lise Dybdal-Müller gesprochen. Fast alle Dialoge der kleinen Akteure waren nicht nur für die anwesenden Kinder sehr schwer verständlich und sorgten für verzweifelte Blicke und Verwirrung. Die verlockende Tatsache, dass es sich um eine Komödie handeln sollte, wurde in keiner Szene, auch nicht für die Erwachsenen, spürbar.

Die Sonderausstellung – Gerhard Weiß

Liselotte Bothe, die Organisatorin des Festivals, hob in ihrer Begrüßungsrede hervor, dass sie das Papiertheater seit vielen Jahren kennen und lieben gelernt habe. Die Geschichte des Papiertheaters als Abendbeschäftigung des erwachsenen Publikums in den Anfängen des 19. Jahrhundert, seinen Fortgang als Kindertheater bis ins 20. Jahrhundert hinein, sein Verschwinden und Wiederaufleben durch Liebhaber und Theaterbegeisterte in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg, durch Sammler wie Walter Röhler, Darmstadt, war ein sehr interessanter Vortrag und schuf eine hervorragende Basis für die Sonderausstellung von Gerhard Weiß.                                                                               

 Wie im letzten Jahr hat Liselotte Bothe das Festival mit einer Sonderausstellung als besonderes Highlight versehen. 2017 hatte Ulrich Chmel aus Wien eine exzellente Ausstellung über die Geschichte des Papiertheaters präsentiert und keine Mühen gescheut, seine Preziosen und Stellwände von Wien nach München zu schaffen um sie publikumswirksam aufzustellen.                                                                                            In diesem Jahr konnte sie einen ganz besonderen Theaterintendanten aus München gewinnen, Gerhard Weiß, der mit unendlichem Aufwand Szenen mit Kulissen und Figuren seiner Theaterstücke in beleuchteten Kästen in einem Rund kunstvoll aufgestellt hatte.  Gerhard Weiß, ein namhafter Theatermann,  fällt mit seinem gestalterischen Theateraktionen, die er in mannigfacher Weise seit den 70er Jahren in seiner Wohnung in Schwabing unter dem Namen „I piccoli“ unter dem Dach eines Mehrfamilienhauses seinen Gästen präsentiert, vollkommen aus dem Rahmen allgemeiner Papiertheater heraus. Er sieht sich auch nicht als Papiertheatermann. Seine Stücke sprengen die Fesseln der kleinen Papiertheaterwelt, seine großen Bühnenpanoramen werden teils von Figuren aus Holz, Glas, Metall, Papier und allem, was sich in eine Figurine verwandeln lässt, bzw. diese schmücken kann, belebt. Für die Ausstellung hat er eine Reihe seiner Theaterstücke in Rahmen arrangiert und so für den Betrachter wie bei einem beleuchteten Diorama erlebbar gemacht.  Die gestalterische Kraft, die Fantasie, mit der er seine Bühnenstücke erstellt, ist fantastisch und lädt zu genauem Hinsehen ein.

 Er hat viele Themen verarbeitet und hier sicherlich in viele Wunden gestoßen, unnachgiebig und aufrüttelnd, ob es Karl Kraus‘ Die letzten Tage der Menschheit war, oder Das Liebeskonzil, wie die Syphilis in die Welt kam von Oskar Panizza, er hat kein Thema ausgelassen und so sicherlich sein Publikum zum Diskutieren und Streiten angeregt, zur Selbstreflexion, durch die Jahrzehnte hindurch. Die Ausstellung ist außerordentlich gut gemacht, die Anwesenden sind begeistert, folgen seinen Ausführungen mit großem Interesse und die Frage wo und wann man eine seiner Aufführungen besuchen kann, wird immer wieder ausgesprochen.

Dann ist es endlich soweit:

I piccoli – Zimmertheater in Schwabing                                                      Am Samstagabend sind alle Mitarbeiter und beteiligten Spieler des Festivals zu Gast in der Theaterhöhle des Schwabinger Künstlers Gerhard Weiß in der Dachwohnung, die er seit den 70er Jahren in der Marktstraße bewohnt.                                                                                                                                                                           Das Stück, das er ausgewählt hat, ist „Da Capo – VENEZIA“. Seine Bühne ist groß. In diesem Zimmertheater, das zwischen Wand und Bett nur maximal 20 Besuchern gemütlich Platz bieten kann, werden Opern und eigene, für Freunde und Liebhaber der Kunst, besonders geschrieben und gestaltete Theaterstücke aufgeführt. Im normalen Leben arbeitete Gerhard Weiß als Fotograf, was seinen Blick auf die Schönheit und reizvollen Perspektiven von Architektur und die Bildkomposition schärfte. Kunstvoll und kreativ ordnet sich der Theaterdirektor nur dem eigenen Prinzip von Vollkommenheit unter. So inszeniert Gerhard Weiß in seiner Wohnung, die den Besucher in den seit Jahrzehnten gewachsenen Kosmos einer belebten Theatertraumwelt entführt, mit Freunden und Bekannten, seine Stücke. Im Hintergrundprospekt werden Fotos durch einen Beamer auf eine Leinwand projiziert, im Vordergrund agieren in einer Kulissenwelt aus perspektivisch verfremdeten Bauten, Zaunelementen, Räumen, Spuren von Brücken, Plateaus und illusionistisch gestalteten realen Zustandsorten, die Figuren. Die Figuren werden von unten bewegt, die Spieler sitzen oder hocken unter der Bühne auf dem Boden. Ein fertiggestelltes Hörspiel bedingt den Ablauf. Den technischen Dienst, Vorhang, Beamer und Licht bedient der Hausherr. Nach der Begrüßung und einer kurzen Einführung verlöschen die Lichter und man taucht hinein in die faszinierende Theaterwelt des Gerhard Weiß. DA CAPO VENEZIA ist eine Hommage an Venedig und seine in dieser Stadt wirkenden Komponisten, von Giovanni Gabrieli über Richard Wagner zu Luigi Nono. Eine für Musikliebhaber verführerische Bildungsreise. Die jeweiligen einführenden Erklärungen vor den Szenen wurden von Moderatoren in Deutsch und Italienisch gemacht. Man sollte doch wirklich genau wissen, was sich einem gleich präsentieren würde. Dem visuellen Reiz, mit den in wechselnden Epochen angepassten Bildern und Figuren, wurden die musikalischen Sequenzen übergestülpt, so dass man völlig aufgesogen wurde und sich gleichsam in diesem ruhig dahingleitenden Gebilde aus Klang und Bild auflöste und Zeit und Raum vergessen konnte. Langatmig, ohne nachzugeben, fordernd und fast bis an die Schmerzgrenze ausreizend, bis genau zu dem Punkt, der im Absacken, dich wieder hervorholte, aufrüttelte und aufs Neue beflügelte zu schauen und zu lauschen. Dem Wagnerschen Prinzip der Unnachgiebigkeit folgend, wenn er in Tristan und Isolde den Schmerz musikalisch ausreizt, wer hätte sich noch nicht lustvoll in ihm verfangen? - ein einzigartiger Ausflug in das Reich der Sinne, der hungrig nach mehr gemacht hat.  

Das Papiertheater Heringsdorf – Robert Jährig

Auch Robert Jährig freut sich, wenn Publikum nach der Vorstellung hinter seine Bühne kommt und staunend die schönen Kulissen und die Technik von hinten betrachten kann. Ich folge gerne den anderen Besuchern und bin immer wieder erstaunt wie hauchzart und fein sein Bühnenaufbau von hinten ausschaut. Bei diesem Festival hat er zwei Theaterstücke präsentiert: „Die Schatzinsel“ und „Orpheus in der Unterwelt“.  Die Kulissen von der Schatzinsel sind ein wahrer Eye-Catcher. Genial, wie sich die spannende Geschichte entwickelt. Stevenson hat diese Idee so ausgearbeitet, dass sie Jung und Alt begeistert. Erstaunlich zu erfahren, dass offensichtlich die Jugend heute in den Bibliotheken dieses Buch nicht mehr unter den empfohlenen Büchern finden würde. Das ist sehr schade. Ein großartiges Jugendbuch, eine hervorragende Vorlage für das Theater. Träumt nicht jeder Intendant von so einem Stück?  Wenn es dann noch so großartige Kulissen gibt, die so filigran und trotzdem farbenfroh und bestechend sind, wer mag sich dem Vorhaben und seiner Verwirklichung entziehen? 
Robert Jährig hat es verwirklicht. Er hat in seiner Sammlung antiker Theaterblätter diese Originalkulissen aus der Zeit nach 1940 von Alex Secher aus Kopenhagen. Diese hat er kopiert und vergrößern lassen. Ein beeindruckendes, großartiges Szenenbild.   Ein wunderschönes spannendes Theaterstück! Die Süddeutsche Zeitung hat es für die Ankündigung des Festivals genommen, sie hat gut gewählt.

Und dann „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach. Genial, wie sich die mit lustigen Gags gefüllte Geschichte entwickelt. Robert Jährig macht es wie viele Autoren, Lyriker, Theaterleute und selbst Komponisten, er bearbeitet seine Stücke immer wieder von Neuem, ist niemals wirklich zufrieden. So hat er an der Beleuchtung einige Veränderungen vorgenommen, am Sound gearbeitet. Das sind oft nur Details, was viele Theaterbesucher gar nicht bemerken. So wird es ein gutes Theatererlebnis.
Dieses lustige Verwirrspiel mit modernem Regietheaterwitz ist einfach ganz wunderbar auf der kleinen Theaterbühne von Robert Jährig realisiert. Und wenn das Feuerwerk entzündet wird, der Champagnerkorken knallt, die Flasche auf der Bühne erscheint und die Beinchen der Can Can-Tänzerinnen im Takt durch die Luft schwingen, dann vertieft sich das Lächeln der Zuschauer und bleibt mit Genugtuung lange in diesem zufriedenen Zustand. Ah, wie schön!

Papiertheater Kitzingen – Gabriele Brunsch                                                                                 

Ich selbst spielte nur ein Theaterstück „Die heimlich-unheimliche Geschichte von Jorinde und Joringel“, (frei nach dem Märchen der Gebrüder Grimm, von mir neu geschrieben und selbst gestaltet) begleitet von Klängen und Harfenmusik von Julia Rosenberger, die sie eigens für dieses Theaterstück komponiert hat. Ich war glücklich, dass nach den kleinen technischen Pannen wirklich alles reibungslos und störungsfrei präsentiert werden konnte – es hatte leuchtende Augen hervorgerufen.                                        Ich selbst mag es nicht, wenn Publikum nach der Aufführung hinter die Bühne kommt. Warum auch! Wenn die Vorstellung gut war und das erzeugt wurde, was mir als Ziel und Zweck vorschwebt, nämlich den Besucher vollkommen zu verzaubern und zu entführen, in eine Welt, in der er vielleicht das letzte Mal als Kind beim Lauschen eines Märchens war, dann bedarf es keiner Zerstörung der Illusion durch einen Blick auf ein Chaos im Backstage-Bereich. Ich selbst bin gänzlich ausgepowert nach so einer Vorstellung. Es gilt 15 x unterschiedliche Jorindes, 18 x Joringel und 8 x die Zauberin in insgesamt 14 Akten (Vorhang auf – Vorhang zu – Umgestaltung zweier Platten miteingeplant) durch die düstere, bedrohliche Zauberwelt hindurchzubewegen, mit Lichteffekten und Wandlung vielfältiger Art. Welche Einblicke sollen hier im Nachhinein den Zauber verstärken oder erhalten?  Das hinter die Bühne gehen hat Tradition in der Gemeinde der Papiertheatermacher, da steckt viel Stolz dahinter, wenn man zeigen kann, wie wenig oder wie viel es bedarf um die oder jene Effekte zu erzeugen. Für mich ist es jedoch wichtig, dass die Erzählung trägt, dass das Drama, die Komödie oder Tragödie so gut rüberkommt, dass die Besucher vielleicht gar nicht klatschen wollen, weil schon dieses Geräusch die Magie zerstören würde.

Im Kleinen Theater im Pförtnerhaus war ich zum zweiten Mal im Pförtnerhaus selbst. Dieser Raum ist Arbeitsraum und Hintergrund für die jeweiligen Shows, die Familie Bothe präsentiert. Er ist mit meinen Platten und Kulissen auf den Ablagestellen hinter meiner Bühne völlig zugestellt. Für Zuschauerströme ohnehin nicht geeignet. Wenn jedoch jemand drängt und meint er müsse unbedingt einen Blick reinwerfen, dann geht das natürlich, pflegt jedoch ob des Durcheinanders nur ein Stirnrunzeln hervorzurufen.

                                                                                                                                                                                           Techniker für Licht und Sound, Vorhang- und Strippenzieher, Kulissenschieber, und, und, und, das alles sind wir Papiertheaterspieler! Wir sind aber auch kreative Autoren, Zeichner, Maler und Intendanten. Ein jedes Theater hat seine eigene Entstehungsgeschichte, seine Art und Weise. Alles ist abhängig von den Machern. Ob man Bühnenbilder selbst gestaltet oder mit Reproduktionen antiker Kulissen arbeitet, das ist letztlich einerlei! An den großen Bühnen ist es auch egal, wie und wer die Kulissen entworfen hat. , weil einzig die Faszination entscheidet, die den Besucher ergreift. Ein jeder Papiertheatermacher möchte eine Geschichte erzählen und seine Besucher verzaubern. Was in einem Film so künstlich wie zeitaufwändig von so vielen unterschiedlichen Berufen (vom Kameramann bis zur Cutterin) gemacht wird, das können wir schaffen, indem wir unsere Besucher anregen die Geschichte in ihrer Fantasie zu erleben. Unsere Bühne mit Kulissen, Staffagen und Papierfiguren ist nur das Hilfsmittel, das sie dazu verführt ihr eigenes Kopfkino zu entfalten. Wenn uns das gelingt, dann haben wir gewonnen.

Das 2. Papiertheater Festival in Oberföhring war ein gelungener Event. Die Organisatoren Liselotte und Lutz Bothe mit ihren Kindern und Enkeln haben hier eine Plattform geschaffen, die Papiertheater auf wunderbare Art erlebbar gemacht hat. Am Samstagnachmittag ist es Nina, Tochter des Hauses, in ihrer Theaterwerkstatt sicherlich auch gelungen in einigen Kindern die Lust an der Miniatur-Theater-Welt zum Selbermachen soweit zu wecken, dass die Zukunft unserer wunderbaren Kunst auf jeden Fall gesichert ist.

Gabriele Brunsch   Oktober 2018

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